o.T. / Ulrike Lua
Das Ausgangsmaterial der Serie bilden sogenannte „Screenshots“, aufgenommen von dem zum Fernseher umfunktionierten PC. Es sind Standbilder aus Live-Übertragungen von Fußballspielen der Welt- und Europameisterschaften. Doch anders als die vielen (Fernseh-)Kameras, die primär dem Geschehen auf dem Rasen folgen, interessiert sie das eigentliche Fußballspiel nur im Hinblick auf seine Wirkung auf die Zuschauer. Brodhage konzentriert sich auf die Momente, in denen auf dem Fernsehschirm die Bilder einer der Kameras zu sehen sind, die das Publikum erfassen, und hier vor allem auf solche Schwenks – etwa nach Torszenen – in denen in der Masse der Zuschauer verstärkt fotografiert wird. Hier macht sie Screenshots, zoomt die „Fotografen“ heran und fotografiert sie mit der Digitalkamera vom LCD-Monitor, scannt die so entstandenen Bilder wieder ein und korrigiert, wo nötig, die Farben.
Auf diese Weise isoliert Brodhage einzelne Individuen und überführt sie aus der Abstraktion „Publikum“ in das konkrete Bild. Dabei knüpft sie jeweils dort an, wo im Moment der uniformen, hundert- oder sogar tausendfach wiederholten Geste des Fotografierens eine Ersatzwirklichkeit geschaffen wird, in der die ritualisierte Beschwörungsformel „Ich war hier“ nicht mehr an den jeweiligen Ort des Ereignisses, des „Dagewesenseins“ gebunden ist, sondern transportabel und speicherfähig wird. An dem Punkt, an dem nicht mehr das Geschehen selbst, sondern die Dokumentation des Erlebten/Erlebthabens, einer der noch immer wesentlichen Aspekte der Fotografie, massenhaft sichtbar gemacht wird, greift Susanne Brodhage einen anderen ebenso wesentlichen Aspekt auf: Die Fähigkeit der Kamera, festzuhalten und zu zeigen, was dem „unbewehrten Auge ewig unsichtbar bliebe“1.
Zugleich formuliert sie in diesen Arbeiten ganz bewusst ein bildnerisches Statement über die durchaus erschütternde, regelrechte Verkehrung der Erkenntnis, dass die Fotografie bereits im 19. Jahrhundert der Kontrolle der Bürger durch den Staat diente2, indem sie zeigt, dass diese Form der Kontrolle längst von den Bürgern selbst übernommen wird, die, ausgerüstet mit Digitalkameras und/oder fotofähigen Handys nicht erst seit der WM ihre Anwesenheit bei besonderen und weniger besonderen Anlässen millionenfach dokumentieren.
In Kontrast zu den imaginierten Bildprodukten der fotografierten „Fotografen“ allerdings schützt die von Susanne Brodhage gewählte, verfahrenstechnisch bedingte Distanz zugleich die nicht immer bis zur Unkenntlichkeit hinter ihren Kameras zurückweichenden „Fotografen“. Keines der Formate ließe sich zu einer zweifelsfreien Identifikation heranziehen: Aus der Dokumentation wird ein Bild.
1 Hauskeller, Michael, Was ist Kunst, 11. Walter Benjamin, S. 73
2 “... photographs became a useful tool of modern states in the surveillance and control of their increasingly mobile populations.“ Sontag, Susan, On Photography, 1977